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Für den Zweifel! – Konzertbericht Tocotronic in Dresden

Es gibt Freundschaften, die stehen über allem. Menschen, mit denen man vielleicht  schon lang nicht mehr den Alltag teilt, aber dennoch auf eine seltsame Weise verbunden ist. Ein Band, das hunderte Kilometer überbrückt, getrennt verbrachte Jahre zu wenigen Minuten zusammenschrumpfen lässt, sobald man wieder aufeinandertrifft und wenige Worte, oder nur einen Blick wechselt. 

“Die späten Neunziger. Es war herrlich. Es war furchtbar…” spricht Dirk von Lotzow in die Stille zwischen zwei Songs am Freitag Abend im Alten Schlachthof in Dresden. Und das trifft es ins Schwarze. Wir waren jung, wir waren verwirrt. Wir haben gefühlt. Und vor allem waren wir Wir! Wir waren zusammen. Ihr wart bei uns. Dann sind wir gewachsen, haben uns verändert. Wir haben uns entfernt. Mit jedem neuen Album wurde es komplizierter. Was vor allem den Fans der ersten Stunden von Tocotronic immer weniger schmeckte. Vorbei die Zeiten, in denen wir uns eure Parolen auf die Jacken kritzelten – zu verkünstelt die Botschaften, zu fremd fühlte sich das alles plötzlich an. Wer waren die da? Was machen die? Fassungslos stand ich vor Titeln wie This Boy Is Tocotronic, starrte auf Videos, versuchte mich wiederzuerkennen. Doch ich kam nicht mehr mit. Und vor allem wollte ich da gar nicht hin! Doch das Band blieb. Vollgeladen mit Erinnerungen und gelegentlich mit neu aufwallenden Emotionen gespickt. So oft verflucht, gehasst, unverstanden ignoriert. Aber nie zerrissen. Man muss nicht alles teilen, nicht einer Meinung sein, nicht alles verstehen – um dennoch im Inneren gleich zu fühlen. Und auf tiefer Ebene verbunden zu bleiben.

Denn an diesem Abend haben wir uns wiedergefunden. Worte und Blicke gewechselt. Und plötzlich verdrängt das Schwingen im Gleichklang Unverstandenes, ergibt so vieles einen Sinn. Denn live gilt immernoch: Es ist einfach Rockmusik! Jede Zeile ihrer Texte, jeder Akkord der betäubenden Gitarrenfeuerwerke ist eine Antwort auf die vielen Fragen. Nichts ist klar, das ist klar! Das nervtötende Spiel mit Gegensätzen und Verwirrung erzwingt Raum für die ganz persönliche Interpretation. Tocotronic wollten noch nie führen, nie beantworten, gar Sprachrohr einer Generation sein. Sie lassen sich von nichts und niemandem vereinnahmen. Zumindest das haben wir jetzt verstanden.

Zum für Schlachthof-Verhältnisse menschenfreundlichen Konzertbeginn von erst kurz nach 21 Uhr eröffnete Dillon die ausverkaufte Halle. Die Stimme der jungen Musikerin am Klavier wechselt unvermittelt zwischen intro- und extrovertierten Momenten und erinnert untermalt von Laptopbeats bisweilen ein wenig an Lykke Li.  Auch wenn die Reaktionen im Publikum eher höflich anerkennend als begeistert waren, insgesamt eine feine Einstimmung auf das Folgende:

Gleich zum Einstieg geben uns Tocotronic mit Eure Liebe tötet mich die in gewohnt feiner Selbstironie angekündigte Liebeserklärung. Insgesamt kommt das neue Album live dynamischer, zackiger als auf Platte. Überhaupt scheinen die vier Herren da oben auf der Bühne mehr bei sich selbst angekommen als bei früheren Shows, wirken fröhlich und sympatisch. Dirk von Lowtzow traut sich mittlerweile, richtig schön zu singen. Selbst beim wie erwartet mittelmäßigen Sound der Location schmettert er seine Texte oft mit einem zufriedenen Lächeln in die Halle. Die gelungene Gesamtkomposition aus zumeist Stücken des aktuellen Albums und Highlights der letzten 17 Jahre erzählt nicht nur Bandgeschichte. Es ist auch unsere Geschichte. Das macht diese Band so widersprüchlich und einzigartig wie unser aller Leben widersprüchlich und einzigartig war und ist. Zusammen feiern wir an diesem Abend pogend und crowdsurfend die Erinnerungen an gemeinsame geile Zeiten und schütteln die teils gar noch tocofrisierten Köpfe über fragwürdige Episoden, die wir bisweilen lieber aus dem Gedächtnis streichen würden, ohne die wir aber um einige Facetten ärmer und eben auch nicht da wären, wo wir heute sind. Und die uns und euch erst recht nicht davor schützen, schon morgen wieder die nächste Dummheit zu begehen. Und ja: Ihr werdet uns begleiten, so oder so. Das fühlen die meisten hier spätestens nach der perfekt inszeniertem Abschlussszene nach der dritten Zugabe: von Lowtzows noch nachklingende Gitarre, behutsam auf dem Verstärker abgelegt  erzeugt eine minutenlange Rückkopplung, die die Halle förmlich im Jetzt erstarren lässt. Die Zeit stand still.

Und hey, du Unbekannter mit dem Ziegenbärtchen neben mir: Ich habe deine Tränen gesehen bei Jenseits des Kanals. Jo, auch bei mir gibt es jenen einen Tocotronic-Song so voller Emotionen, den zu hören so aufwühlend schmerzt. Freunde, den habt ihr an dem Abend nicht gespielt. Selbst das sei euch verziehen. Und wenn ihr wiederkehrt, dann komm ich mit! Danke für alles.

Die nächsten Tourdaten:

27.05. Bad Bonn/Schweiz – Kilbi
04.06. Nürnberg Zeppelinfeld – Rock Im Park
05.06. Ludwigshafen – Ernst Bloch Zentrum
06.06. Nürburgring Eifel – Rock Am Ring
26.06. St. Gallen – OpenAir St. Gallen
16.07. Gräfenhainichen – Melt! Festival
17.07. Eching bei München – Sonnenrotfestival
18.07. Cuxhaven – Deichbrand Festival
31.07. Dortmund – Juicy Beats

Dank an Carola für das Foto


geschrieben von Kerstin am 20. April 2010 // 0:40 Uhr
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Kommentare
  1. carola

    wochen später erinnere ich mich noch gut und gerne an diesen schönen, gelungenen abend. danke tocotronic – ewiger begleiter seit dem abitur. damals hab ich euch im radio gehört und es war liebe auf den ersten ton. die konzerte waren anders, die hallen kleiner und zwischen den liedern habt ihr oft lange und schüchtern zum publikum gesprochen. das ist heute nicht mehr so. über die jahre hat sich euer sound verändert, ihr habt euch verändert und ich mich auch, wobei ich meine trainigsjacke von damals noch besitze und gelegentlich auch trage. trotzdem seid ihr die gleichen. jedenfalls mochte und mag ich euch immer, jedes lied, jede zeile… keine ahnung warum. es ist so, als ob ich euch verstehen würde. und eure lieder machen mir hoffnung, wenn ich mich darin wiederfinde. danke für alle liveauftritte der letzen jahre, die ich miterleben durfte und nochmals danke für das konzert im schlachthof! es wird in diesem jahr wohl nicht die letzte begegnung mit euch gewesen sein.

    danke an kerstin für den treffend formulierten, gelungenen konzertbericht!

    10. Mai 2010 um 22:39

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